Warum Rojava?

Im Sommer 2012 gelang es der überwiegend kurdischen Bevölkerung von Nordsyrien am Rande des syrischen Bürgerkrieges eine regionale Selbstverwaltung auszurufen: Rojava. Seitdem wird in dort ein Gesellschaftsmodell entwickelt, dass sowohl für den mittleren Osten ein Vorbild sein kann, als auch weltweit neue Hoffnung und Perspektiven entstehen lässt. Obwohl Rojava immer wieder schweren Angriffen ausgesetzt ist (Daesh und andere Islamisten, seit März 2018 ist der Kanton Efrin von der Türkei besetzt), konnte dieses Gesellschaftsmodell verteidigt und ausgebaut werden. Schon 2016 wurde die Demokratische Föderation Nordsyrien ¹ ausgerufen. Die kurdische Bezeichnung Rojava (der Westen) reichte nicht mehr aus um der multiethischen, föderalen Idee gerecht zu werden. Schließlich beteiligen sich die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen auf mittlerweile ca. 1/3 des syrischen Staatgebiets, u.a. großen Gebieten, die von Daesh/IS befreit werden konnten.

Stand 26.06.2018 aktuelle Karte: syria.liveuamap.com

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  • DFN = Demokratische Föderation Nordsyrien / Rojava
  • TBG = Türkisch Besetztes Gebiet in Syrien und Rojava – Efrin, Azaz, Dscharabulus, Al Bab
  • KRG = Kurdistan Regional Government / KDP und z.T. lokal PUK regiertes kurdisches Autonomiegebiet Südkurdistan/Nordirak / Kontrollgebiet der Peschmerga
  • Assad = Assad und seine Verbündeten Russland, Iran u.a.    
  • IS = Daesh / Überreste des sog. Kalifats des Islamischen Staats
  • Irak = Irakische Zentralregierung und mit ihr verbündete Schiitische Milizen
  • Nordkurdistan/Türkei = Nordkurdistan / Türkisches Staatsgebiet / Südosttürkei

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Im Zentrum der Gesellschaft der Demokratische Föderation Nordsyrien/ Rojava steht eine basisdemokratische Selbstverwaltung, die auf dem Konzept des Demokratischen Konföderalismus aufbaut, welches auf die Theorien von Abdullah Öcalan zurückgeht. Die expliziten Grundlagen dieser Selbstverwaltung von unten sind die freie Entfaltung und Gleichberechtigung aller Individuen und Bevölkerungsgruppen, die Befreiung und Gleichstellung der Frauen², ökologische Nachhaltigkeit und der Aufbau kollektiver, solidarischer Strukturen.

Jedes Viertel verfügt über einen eigenen Rat, in dem Nachbar*innen zusammenkommen und darüber diskutieren, wie sie ihr Zusammenleben gestalten wollen. Aus jeder Versammlung gibt es Verantwortliche, die die getroffenen Entscheidungen in die Versammlung der nächst höheren Ebene tragen – dem Stadtteil, der Stadt, usw. In allen Entscheidungsgremien sind Delegierte aller religiösen, sprachlichen und ethnischen Bevölkerungsgruppen sowie Männer und Frauen in gleicher Anzahl vertreten. Den Rahmen bildet ein sog. Gesellschaftsvertrag, der gemeinschaftlich diskutiert und verabschiedet wurde und in dem weitreichende individuelle und kollektive Rechte für alle Bewohner*innen festgeschrieben sind.
Durch diese Organisierung werden alle Menschen in der Region zur aktiven Teilhabe eingeladen. Die Menschen können nach Wunsch und Bedürfnis auf sozialer oder politischer Ebene Einfluss nehmen.

Frauen*bewegung

Die organisierten Frauen in der Demokratische Föderation Nordsyrien/ Rojava kämpfen seit Jahren für ihre Rechte und gegen die patriarchalen Strukturen in der Region. Viele kämpfen in bewaffneten Einheiten der YPJ zusammen mit den Männereinheiten der YPG gegen Daesh, den sog. “Islamischen Staat”. Sie kämpfen um ihre Lebensweisen sowie für die Idee einer befreiten Gesellschaft nach dem Modell des Demokratischen Konföderalismus. Sie führen ihren größten Kampf aber nicht mit der Waffe in der Hand.

frauen

Die Selbstorganisation und das Erheben der Stimme gegen Ungleichbehandlung durch Männer und Institutionen ist alltäglicher Kampf der Frauen*. Sie haben ihre eigene Sicherheitskräfte, die Asayîş Jin. Der Aufbau von „Frauenakademien“ zur politischen und sozialen Auseinandersetzung sowie gegenseitiger Bildung ist ein Grundstein ihrer Organisierung. Frauen* in de Demokratische Föderation Nordsyrien/ Rojava organisieren sich in Kollektiven um gemeinsames Produzieren und Wirtschaften auf solidarischer Grundlage zu betreiben.
Frauen organisieren sich innerhalb der Rätestrukturen der Demokratische Föderation Nordsyrien/ Rojava in unabhängigen Frauenräten und üben hiermit direkten Einfluss auf die Entscheidungen der kommunalen sowie regionalen Verwaltung aus. Die Organisierung der Frauen bildet innerhalb der Entscheidungsstruktur eine eigenständige, gleichberechtigte Kraft parallel zu der allgemeinen, in welcher sich Menschen jeden Geschlechtes engagieren können. Diese Selbstorganisierung der Frauen in eigenständigen Räten ist Grundpfeiler des Konzeptes des Demokratischen Konföderalismus. Sie sitzen z.B. als Bürgermeisterinnen, Gesundheitsministerinnen oder Richterinnen in allen wichtigen Ämtern und in allen Gremien der Verwaltung.
Wir teilen den Gedanken der Frauenbewegung der Demokratische Föderation Nordsyrien/ Rojava , dass ohne die Befreiung der Frau keine gleichberechtigte Gesellschaft entstehen kann. Die Überwindung des Patriarchats ist zentraler Pfeiler einer Gesellschaft auf Augenhöhe. Durch die breite Organisierung auf sozialer, politischer sowie wirtschaftlicher Ebene entsteht ein neues Selbstbewusstsein der Frau als Individuum innerhalb der Gesellschaft. Aus diesen Gründen werden wir diese Frauenbewegung unterstützen.

¹Am 17. März 2016 rief eine Versammlung von kurdischen, assyrischen, arabischen und turkmenischen Delegierten die Demokratische Föderation Nordsyrien/ Rojava aus, bestehend aus den Kantonen Efrîn, Kobanê und Cizîrê.

²Da wir an dieser Stelle die Entscheidungsstrukturen des Dem. Kon. wiedergeben verwenden wir nicht die * Schreibweise, welche nach unserer Sicht alle Geschlechtsdefinitionen beinhaltet. In den uns momentan vorliegenden Texten ist von Männern und Frauen die Rede.